„Der nächste Schritt ist ganz einfach“, sagt deine Kollegin im Flur. Sie erklärt kurz, wer was übernimmt, welche Frist gilt und was danach folgt. Ihre Worte kommen schnell hintereinander. Für sie ist der Ablauf logisch.
Du nickst, doch innerlich verlierst du den Faden.
Während sie schon beim nächsten Thema ist, versuchst du noch, die Reihenfolge zusammenzubekommen. Du bräuchtest eigentlich ein Papier mit einer kleinen Skizze. Oder du müsstest die Schritte sauber hintereinander aufschreiben, um sie vor dir zu sehen. Oder es wäre für dich am einfachsten, wenn sie dir den ersten Schritt direkt an einem Beispiel vormacht.
Später am Schreibtisch denkst du an diesen Moment zurück. Andere haben es scheinbar sofort im Vorbeigehen verstanden. Warum kommst du oft erst mit, wenn du dir einen Überblick verschafft hast, etwas noch einmal hörst oder es selbst ausprobierst?
Genau an solchen Unterschieden setzen die Begriffe visuell, auditiv und kinästhetisch an.
Was visuell, auditiv und kinästhetisch im Alltag bedeuten
Im Flur fehlt dir gerade kein längerer Vortrag. Du brauchst die Erklärung in einer Form, mit der du etwas anfangen kannst.
Wenn du etwas vor dir sehen musst
Wenn du einen Ablauf vor dir siehst, wird er für dich greifbar. Du schreibst die Schritte auf, machst einen Pfeil dazwischen oder lässt dir kurz zeigen, wie der erste Schritt aussieht. Vielleicht helfen dir auch bildhafte Worte. Jemand sagt nicht nur: „Sortiere die Unterlagen“, sondern: „Leg sie erst als drei kleine Stapel vor dich. Dann siehst du sofort, was zusammengehört.“
Dafür wird oft das Wort visuell benutzt. Es geht um das, was du sehen und vor dir ordnen kannst. Beim Kleidungskaufen oder beim Einrichten eines Raumes fällt manchen Menschen sofort auf, ob Farbe, Form und Gesamtbild zusammenpassen. Andere schreiben Gedanken erst auf, bevor sie darüber sprechen.
Wenn ein Satz erst noch klar werden muss
Manchmal hilft dir dagegen kein weiterer Zettel. Du hörst einen Satz und bleibst genau daran hängen. Vielleicht hat jemand etwas sehr scharf gesagt. Vielleicht klingt ein Wort für dich schief. Oder du möchtest einfach noch einmal wissen, wie der zweite Schritt genau gemeint war.
Dann helfen Worte. Du fragst nach. Du lässt dir den Satz noch einmal erklären. Oder du sprichst selbst laut aus, was du verstanden hast. Während du redest, sortiert sich etwas in dir. Das wird häufig auditiv genannt. Es beschreibt die Bedeutung von Sprache, Tonfall und dem Gespräch für dein Verstehen.
Wenn du es erst beim Tun verstehst
Und dann gibt es Aufgaben, bei denen du erst beim Tun merkst, worum es geht. Jemand erklärt dir eine neue Spielregel. Du hörst zu und verstehst trotzdem noch nicht, wie es läuft. Nach der ersten Runde ist es auf einmal klar. Oder du sitzt vor einer neuen Software und brauchst zwei Minuten, in denen du selbst klicken darfst.
Dafür steht der Begriff kinästhetisch. Etwas wird klar, wenn du es ausprobierst, in der Hand hast, dich bewegst oder im eigenen Körper spürst, wie es sich anfühlt.
Diese Begriffe geben dir Worte für eine einfache Frage: Was fehlt mir gerade, damit ich weiterkomme? Ein Bild? Ein Satz? Oder der erste Schritt zum Ausprobieren?
Woran ich bei Menschen unterschiedliche Zugänge bemerke
Mir fallen solche Unterschiede auch im ganz normalen Alltag auf. Mir fällt auf, wie jemand einen Raum betritt, worauf sein Blick zuerst fällt und wie er von einer Situation erzählt. Ich höre darauf, an welchen Worten jemand hängen bleibt. Und ich merke, ob ein Plan Sicherheit gibt oder eher unruhig macht.
Was mir zuerst auffällt
Bei manchen Menschen springt mir zuerst das Sichtbare ins Auge. Farben passen zusammen. Die Kleidung ist bewusst gewählt. Im Raum wird schnell gesehen, wenn etwas schief liegt oder nicht zusammenpasst. Der Blick wandert herum und nimmt Details auf. Die Person will die Situation erst vor sich sehen. Wenn ich dann etwas erkläre, merke ich oft: Eine kurze Skizze, ein sichtbarer Ablauf oder eine bildhafte Beschreibung bringen mehr als noch ein weiterer erklärender Satz.
Wenn Worte genauer werden müssen
Bei anderen höre ich genauer hin. Sie bleiben an einer Formulierung hängen. „Wie hast du das gemeint?“ oder „Sag das noch einmal“ kommt nicht, weil sie nicht zugehört haben. Sie wollen den Satz genau verstehen. Manche sortieren sich erst, wenn sie selbst laut sprechen. Andere merken sofort, wenn ein Ton im Gespräch gekippt ist.
Wenn das eigene Erleben wichtig wird
Und dann gibt es Menschen, bei denen ich stärker den Bezug zum Körper und zum eigenen Erleben wahrnehme. Die Kleidung soll bequem sein und sich gut anfühlen. Praktisch und gemütlich zählt mehr als perfekt abgestimmt. Beim Nachdenken geht der Blick eher nach unten. Der Mensch wird ruhiger, wenn er bei sich ankommt und erst einmal spürt, was für ihn stimmig ist.
Wenn ein Plan Sicherheit gibt
Auch Ordnung, Planung und Pünktlichkeit haben nicht für alle denselben Stellenwert. Für mich mit meinen Plänen, Listen und einer klaren Reihenfolge wirkte es früher schnell chaotisch, wenn jemand keinen Plan erstellte oder ohne genaue Uhrzeit loswollte oder erst unterwegs entscheiden wollte was wann gemacht wird.
Ich wollte oder musste wissen, was als Nächstes kommt, was kann passieren. Der andere Mensch richtet sich vielleicht stärker nach dem, was sich im Moment richtig anfühlt. Das hat mich früher schnell herausgefordert. Heute interessiert mich eher: Was braucht dieser Mensch jetzt, damit er mitkommen kann?
Ich frage nach, statt festzulegen
Ich schaue dabei nie nur auf eine Sache. Blick, Kleidung, Sprache, Auftreten, Ordnung, Entscheidung und Reaktion gehören für mich zusammen. Wenn mir mehrere Dinge auffallen, frage ich mich: Hilft dieser Person jetzt ein Bild, ein genauer Satz oder ein erster Schritt zum Ausprobieren?
Dann frage ich nach. „Soll ich dir das einmal aufmalen?“ „Sollen wir es noch einmal langsam durchgehen?“ Oder: „Wollen wir den ersten Schritt zusammen machen?“
Und dann schaue ich, was passiert. Wird der Blick ruhiger? Kommt ein „Ja, genau so“? Oder braucht die Person etwas ganz anderes?
Ein erster Eindruck gibt mir eine Idee. Die Frage und die Reaktion zeigen mir, ob sie gerade passt.
Warum mir der Wahrnehmungstypen-Test damals so geholfen hat
Richtig deutlich wurde mir das beim Wahrnehmungstypen-Test, den wir im Rahmen meiner Ausbildung zur Mentaltrainerin gemacht haben. Bei mir kam ganz klar visuell heraus.
Und ich dachte wirklich: Jetzt verstehe ich mich.
Was ich bei mir wiedererkannte
Das passte zu vielen Dingen, die ich längst von mir kannte. Schon in der Schule schrieb ich Hefter zu Hause noch einmal ordentlich. Der Inhalt stand da. Ich wollte ihn mit Farben, Überschriften und einer Reihenfolge vor mir sehen. Dann bekam ich einen Überblick und es wurde in meinem Kopf ruhiger.
Plan A, Plan B und Plan C gehörten damals ebenfalls dazu. Ich fand das richtig gut an mir - ich fand ich konnte sehr gut bis zu Ende denken. Heute muss ich darüber etwas schmunzeln. Denn so gut die Pläne waren: Umsetzen musste ich sie auch noch und daran scheiterte ich meistens. Denn ein neuer Plan war viel schneller aufgestellt udn so kann man sich sehr gut darin verlieren und nichts zu ende bringen oder ohne anzufangen.
Warum „visuell“ sich sicher anfühlte
Und ganz ehrlich: Emotional wollte ich damals nicht sein. Feinfühligkeit und Gefühle gehörten für mich zu einer Seite, mit der ich Schmerz und Enttäuschung verbunden habe.. Das Wort „visuell“ klang klar, ordentlich und sicher. Damit konnte ich etwas anfangen.
Der Test gab mir damals eine Sprache für etwas, das vorher eher wie „zu kompliziert“ oder „nicht richtig verstanden“ wirkte. Ich brauchte Dinge sichtbar vor mir. Ich mochte Übersicht. Und ich mochte das Bild von mir, das dazu passte.
Was der Test nicht erklären konnte
Später habe ich gemerkt: Da war noch mehr. Meine Feinfühligkeit war nicht weg. Ich hatte sie lange hinter Kontrolle, Planung und Distanz vergraben.. Der Test zeigte mir meinen Sinn für Übersicht und Selbstkontrolle. Er erzählte aber nicht, warum ich dieses Schutzmuster mir angelegt hatte..
Heute sehe ich beides. Ich mag meine Pläne, meine Bilder und meinen Blick für Struktur. Und ich mag den Teil in mir, der fein wahrnimmt. Deshalb nutze ich die Begriffe bis heute, nur nicht mehr wie eine Schublade.
Was du bei dir und im Gespräch damit machen kannst
Die drei Begriffe helfen dir vor allem dann, wenn du gerade festhängst.
Wenn dir eine Erklärung fehlt
Bei einer Erklärung merkst du vielleicht: Ich höre zu, aber die Reihenfolge liegt noch nicht vor mir. Dann sagst du: „Zeig mir den Ablauf auf ein Blatt als Grafik.“ Oder du bittest um ein Beispiel. Das ist keine Entschuldigung. Du sagst einfach, was dir gerade fehlt.
Wenn du eine Entscheidung sortieren möchtest
Bei einer Entscheidung kannst du die Möglichkeiten sichtbar nebeneinanderlegen. Schreib auf, was dafür spricht und was dich zögern lässt. Vielleicht hilft dir ein Gespräch mit einer Person, die dich gut kennt. Oder du gehst einen kleinen ersten Schritt und merkst danach, ob sich die Sache für dich anders anfühlt.
Wenn du etwas lernen willst
Auch beim Lernen bringt dich diese Frage weiter. Du liest etwas und es bleibt nicht hängen? Zeichne es auf. Erkläre es dir laut. Probier es aus. Du brauchst nicht alles gleichzeitig. Fang mit dem Weg an, der dir die Aufgabe gerade verständlicher macht.
Wenn viele Eindrücke dich müde oder unruhig machen, führt dich der Artikel Wahrnehmung regulieren weiter.
Wenn du jemandem etwas erklären möchtest
Im Gespräch mit anderen kannst du dasselbe nutzen. Wenn jemand an einem Wort hängen bleibt, also das gespräch sich im <kreis dreht wegen diesem Wort, hilfst du nicht mit noch mehr Erklärungen. Du fragst: „Welcher Satz ist gerade undeutlich?“ Wenn ein Mensch auf die Unterlagen schaut und den Überblick sucht, malst du die Sache kurz auf. Wenn jemand unruhig wird und erst ins Tun kommen möchte, bietest du den ersten Schritt an.
Wenn Worte oder Stimmungen nach einem Gespräch weiter in dir arbeiten, findest du im Artikel Gefühle anderer Menschen spüren eine ruhige Einordnung von Wahrnehmung, eigener Reaktion und Deutung.
Drei kleine Sätze reichen oft:
„Soll ich dir das mal zeigen als Skizze?“
„Soll ich den Satz noch mal strukturierter erklären?“
„Wollen wir den ersten Schritt gemeinsam machen?“
Du brauchst dabei nicht zu wissen, welcher Typ der andere Mensch ist. Du beobachtest, bietest etwas an und achtest auf die Reaktion. Genau dort wird ein Gespräch oft leichter.
Wenn ein Wort, ein Blick oder ein Gespräch nachwirkt und du gerade nicht weißt, was davon in dir los ist, hilft dir dieser kurze Guide beim Sortieren.
Der Wahrnehmungstypen-Test: Was fällt dir bei dir auf?
Der Wahrnehmungstypen-Test auf dieser Seite gibt dir eine Möglichkeit, bei dir selbst genauer hinzuschauen. Sein Ergebnis ist ein Hinweis darauf, welche Beschreibungen du gerade wiedererkennst.
Schau danach nicht nur auf das Wort, das am Ende steht. Schau in deinen Alltag. Was machst du, wenn dir jemand etwas schnell erklärt? Woran bleibst du in Gesprächen hängen? Wie triffst du eine Entscheidung? Was hilft dir, wenn eine Aufgabe unklar bleibt?
Ein einzelnes Ergebnis legt nicht fest, wer du bist. Auch aus Blick, Kleidung oder einem anderen Merkmal lässt sich kein Mensch sicher einordnen. Feste Lerntypen und die Idee, dass Lernen automatisch besser gelingt, wenn jede Erklärung nur zum angeblich passenden Typ passt, sind nicht gut belegt.[1] [2] Die verbreitete Blickregel „oben sehen, unten fühlen“ wurde ebenfalls nicht bestätigt.[3]
Für mich bleibt der Test trotzdem eine gute Einladung, genauer hinzuschauen. Was davon erkennst du bei dir? Und was hilft dir gerade wirklich?
Sag, was dir gerade fehlt
Zurück in den Flur. Die Kollegin steht schon an der Tür. Du merkst, dass du die Reihenfolge verlierst.
Diesmal nickst du nicht einfach weiter.
Du sagst: „Zeig mir den Ablauf einmal kurz.“
Oder: „Geh bitte mit mir ein Beispiel durch.“
Oder: „Lass mich den ersten Schritt einmal selbst machen.“
Dann steht die Tür noch einen Moment offen.
Wenn dich solche Unterschiede generell an dir zweifeln lassen, hilft dir der Artikel Ich fühle mich anders bei der weiteren Einordnung.
Quellen
[1] Harold Pashler, Mark McDaniel, Doug Rohrer und Robert Bjork: Learning Styles: Concepts and Evidence, Psychological Science in the Public Interest, 2008.
[2] Joshua Cuevas: Is learning styles-based instruction effective? A comprehensive analysis of recent research on learning styles, Theory and Research in Education, 2015.
[3] Richard Wiseman, Caroline Watt, Leanne ten Brinke, Stephen Porter, Sara Couper und Caroline Rankin: The Eyes Don't Have It: Lie Detection and Neuro-Linguistic Programming, PLOS ONE, 2012.




