Manchmal taucht ein inneres Wissen, ein Bild oder ein Gefühl auf, bevor du erklären kannst, woher es kommt.
Du betrittst einen Raum und spürst sofort, dass etwas anders ist. Ein inneres Bild bleibt dir im Kopf. Oder ein Name fällt dir ein und kurze Zeit später begegnet er dir tatsächlich.
Mich hat das früher verwirrt, aber auch neugierig gemacht. Also bin ich irgendwann auf die Suche gegangen: Was war das gerade?
Habe ich Hinweise aufgenommen, ohne es bewusst zu merken? Ist es Erfahrung, Intuition oder gibt es da noch etwas? Gibt es so etwas überhaupt?
Ich glaube, dass wir Menschen viel mehr wahrnehmen, als uns im jeweiligen Moment bewusst ist.
Für mich sind Hellsinne reale Formen feiner Wahrnehmung. Und ich glaube, dass wir sie grundsätzlich in uns tragen, nur nicht alle gleich stark und auch nicht immer auf dieselbe Weise.
Was mit Hellwissen, Hellfühlen, Hellsehen und Hellhören gemeint ist, schauen wir uns gleich genauer an.
Spannend wurde es für mich vor allem dann, wenn sich später etwas von dem bestätigte, was ich vorher wahrgenommen hatte.
Was bedeutet so ein Moment eigentlich?
Welche Hellsinne gibt es und was ist damit gemeint?
In spirituellen Zusammenhängen werden dafür verschiedene Begriffe verwendet. Sie beschreiben, wie Menschen solche Eindrücke erleben: als plötzliches Wissen, als Gefühl im Körper, als inneres Bild oder als Wort.
Beim Hellwissen ist ein Gedanke oder ein Wissen plötzlich da, ohne dass du bewusst nachvollziehen kannst, wie du darauf gekommen bist. Du sitzt zum Beispiel in einem Gespräch und hast plötzlich den Eindruck, etwas zu wissen, das noch gar nicht ausgesprochen wurde.
Beim Hellfühlen steht das Spüren im Vordergrund. Du kommst in einen Raum und merkst körperlich, dass sich etwas verändert. Deine Schultern spannen sich an, dein Bauch wird unruhig oder du stellst nach einem Gespräch fest, dass du ungewöhnlich erschöpft bist.
Beim Hellsehen geht es um innere Bilder, Szenen, Farben oder Symbole. Ein Bild taucht beim Nachdenken auf, eine bestimmte Szene bleibt nach einem Traum hängen oder vor deinem inneren Auge erscheint etwas, das du vorher nicht bewusst gedacht hast.
Beim Hellhören taucht innerlich ein Wort, ein Name oder ein Satz auf. Auch eine Melodie kann plötzlich da sein und etwas in dir anstoßen.
Daneben gibt es noch Begriffe wie Hellriechen und Hellschmecken. Gemeint ist damit ein Duft oder Geschmack, für den du im ersten Moment keinen äußeren Auslöser findest.
Und was ist mit dem dritten Auge?
Wenn es um Hellsinne geht, taucht schnell auch der Begriff „drittes Auge“ auf. In spirituellen Traditionen steht er für eine Wahrnehmung, die über das hinausgeht, was wir unmittelbar mit Augen, Ohren oder anderen Sinnen erfassen.
Mich interessiert daran, dass Menschen schon sehr lange versucht haben, innere Wahrnehmung, Intuition und ein Wissen jenseits des unmittelbar Sichtbaren zu beschreiben.
Was hinter solchen Vorstellungen ursprünglich genau stand, lässt sich heute nicht eindeutig sagen. Wir haben Wandmalereien, Skulpturen, Symbole und überlieferte Texte, aber wir können die Menschen von damals nicht mehr fragen, was sie damit tatsächlich ausdrücken wollten. Deshalb bleibt immer ein Teil Interpretation.
Gerade dass sich solche Ideen über sehr lange Zeit und in unterschiedlichen Kulturen finden, macht mich neugierig. Was haben Menschen damals wahrgenommen? Haben sie ihrer Umgebung, ihrem Körper und inneren Signalen mehr Aufmerksamkeit geschenkt als wir heute?
Eine sichere Antwort darauf haben wir heute leider nicht. Aber genau diese Frage ist für mich die interessantere: Was nehmen wir Menschen tatsächlich wahr und wie gehen wir damit um?
Wenn du vor allem Stimmungen anderer Menschen schnell spürst und dich danach fragst, was davon eigentlich zu dir gehört, findest du im Artikel Gefühle anderer Menschen spüren eine genauere Einordnung dazu.
Was in so einem Moment alles zusammenkommt
Du sitzt in einem Gespräch. Die andere Person antwortet plötzlich knapper, schaut häufiger zur Seite oder macht an einer Stelle eine Pause, an der sie sonst einfach weiterreden würde.
Solche Einzelheiten nimmst du auf, ohne sie in dem Moment bewusst zu benennen. Du denkst dann nicht unbedingt: Sie hat gerade den Blick gesenkt, ihre Stimme war anders und die Antwort kam ungewöhnlich schnell. Stattdessen taucht der Gedanke auf: Irgendetwas stimmt hier nicht.
Die Intuitionsforschung beschreibt, dass Erfahrung und wahrgenommene Hinweise sehr schnell zu einer Einschätzung führen können, ohne dass dir jeder einzelne Schritt bewusst ist.[1]
Im Nachhinein ist gar nicht so leicht zu sagen, was genau du zuerst bemerkt hast. War es der veränderte Tonfall, die Pause im Gespräch oder der Blick zur Seite? Oder waren es mehrere kleine Hinweise, die du in diesem Moment noch gar nicht bewusst zusammengebracht hast?
Gleichzeitig reagierst du selbst. Dein Bauch wird unruhig oder ein bestimmter Gedanke taucht auf.
Aus „Irgendetwas stimmt hier nicht“ kann dann sehr schnell werden: „Sie ist sauer auf mich.“ Oder: „Da wird etwas passieren.“
Und genau da wird aus dem, was du bemerkt hast, schnell eine Erklärung dafür. Dass tatsächlich etwas nicht stimmte, kann richtig gewesen sein. Warum, weißt du damit noch nicht.
Wenn sich später zeigt, dass bei deinem Gegenüber wirklich etwas los war, hat sich also zunächst nur dieser erste Gedanke bestätigt: Da war etwas. Ob du unbewusst kleine Hinweise aufgenommen hast, ob Erfahrung mitgespielt hat oder ob für dich noch eine andere Ebene dazugehört, bleibt weiterhin offen.
Wenn sich später etwas bestätigt
Dir fällt morgens plötzlich der Name einer Freundin ein, von der du länger nichts gehört hast. Am Nachmittag schreibt sie dir. Sofort denkst du: Das ist ja verrückt. Heute Morgen hatte ich sie noch im Kopf.
Doch die Geschichte beginnt schon früher. Ihr Name ist dir in den letzten Wochen immer wieder einmal kurz durch den Kopf gegangen. Nur für einen Moment und ohne besonderen Anlass. Danach war der Gedanke wieder weg.
An diese kurzen Momente erinnerst du dich späternicht mehr. Warum auch? Es passierte anschließend nichts Besonderes.
An diesem Tag ist es anders. Du denkst an sie und wenige Stunden später kommt ihre Nachricht. Jetzt bekommt der Gedanke vom Morgen plötzlich eine Bedeutung und bleibt dir im Gedächtnis.
Bei einem sehr konkreten Gedanken lässt sich das noch besser erkennen. Du denkst zum Beispiel plötzlich: Der Termin fällt heute aus. Kurz darauf kommt die Absage. Hier stimmen Gedanke und späteres Ereignis ziemlich genau überein.
Dann bleibt für mich eine andere Frage: Woher kam dieser Gedanke?
Schau einmal zurück auf die Zeit vor der Absage. Gab es schon kleine Hinweise, Gespräche am Rande oder den berühmten Flurfunk? Hat deine Erfahrung eine Rolle gespielt? Oder hast du Kleinigkeiten aufgenommen, ohne sie bewusst zusammenzusetzen?
Die meisten solcher Momente lassen sich mit etwas Abstand ziemlich gut einordnen. Und dann gibt es Erlebnisse, bei denen ich auch nach genauem Hinschauen keine schlüssige Erklärung finde.
Gerade diese Erfahrungen haben bei mir überhaupt erst die Frage ausgelöst, wie viel wir Menschen wahrnehmen, ohne bewusst zu wissen, woher dieses Wissen kommt.
Wie ich heute auf Hellsinne schaue
Mit ungewöhnlichen Formen von Wahrnehmung und Heilung bin ich schon als Kind in Berührung gekommen. Meine Großeltern kamen aus Bessarabien, und in unserer Familie war es ganz selbstverständlich, sich mit Kräutern auszukennen, mit der Natur zu leben und auch mit alten russischen und schamanischen Traditionen Berührung zu haben.
Ich erinnere mich zum Beispiel an einen Onkel, zu dem ich mit Sportverletzungen ging. Er tastete mit seinen Fingern ganz vorsichtig über die betroffene Stelle und schien genau zu wissen, wo etwas nicht stimmte. Als Kind kam es mir vor, als könne er mit seinen Händen sehen. Ich fand das faszinierend und wünschte mir, so etwas auch zu können.
Später, während meiner Ausbildung zur Mentaltrainerin, begegneten mir andere Ansätze: Visualisierung, Frequenzen und Menschen, die auf eine ganz andere Art wahrnahmen. Ich lernte eine Frau kennen, die sagte, sie könne mit ihren Händen sehen. Sie berührte mich und erzählte mir Dinge, die sie über mich eigentlich nicht wissen konnte.
Spätestens da war meine Neugier geweckt. Gibt es so etwas wirklich? Und wenn ja, was passiert da?
Ich machte später selbst eine Ausbildung zur spirituellen Heilerin, las viel und lernte viele Menschen aus der spirituellen Szene kennen. Und je länger ich mich darin bewegte, desto mehr Fragen bekam ich.
Denn plötzlich behauptete jeder: Das wurde mir aus der geistigen Welt übermittelt. Der eine beschrieb etwas so, der nächste ganz anders und für beides fanden sich Menschen, die es glaubten. Teilweise wurde sehr viel Geld dafür ausgegeben, weil jemand versprach, etwas zu erkennen, zu lösen oder zu heilen.
Das hat mich vorsichtiger gemacht.
Ich habe selbst eine Zeit lang mit energetischen Methoden gearbeitet und auch Fernheilung ausprobiert. Dabei gab es Ergebnisse, die mich erstaunt haben. Bis heute weiß ich bei manchen davon nicht, was genau gewirkt hat. War es meine Arbeit? Hat der andere selbst etwas in Bewegung gebracht, weil er daran glaubte? Kam beides zusammen? Für mich war damals entscheidend, dass es dem Menschen besser ging.
Meine grundsätzliche Haltung hat sich dadurch nicht verändert: Ich glaube, dass wir Menschen Fähigkeiten zur Wahrnehmung besitzen, die wir heute viel weniger nutzen als früher. Wir leben immer noch als Teil der Natur, auch wenn Religion, Erziehung, gesellschaftliche Vorstellungen und Technik unseren Blick darauf verändert haben.
Deshalb mache ich bei ungewöhnlichen Erfahrungen zuerst etwas sehr Bodenständiges: Ich schaue, was sich erklären lässt. Gab es Hinweise? Hat Erfahrung mitgespielt? Habe ich etwas gesehen, gehört oder gespürt, ohne es bewusst einzuordnen?
Und wenn ich damit nicht weiterkomme, schaue ich oft in die Natur. Dort begegnen mir Beispiele, die mich daran erinnern, wie unterschiedlich Wahrnehmung überhaupt sein kann.
Genau deshalb halte ich es für möglich, dass auch wir mehr wahrnehmen, als uns bewusst ist. Gleichzeitig reicht mir ein ungewöhnliches Erlebnis noch lange nicht als Beweis dafür, dass jede spirituelle Erklärung stimmt.
Ein Blick in die Natur
In der Natur finden sich Fähigkeiten, die für das jeweilige Tier ganz selbstverständlich sind und für uns Menschen erst einmal unglaublich klingen.
Der Guiana-Delfin kann schwache elektrische Felder wahrnehmen. Dafür besitzt er spezielle Strukturen an seiner Schnauze, mit denen er elektrische Reize erfassen kann.[2]
Grubenottern wiederum nehmen Wärme über besondere Grubenorgane wahr. Sie können damit Infrarotstrahlung erfassen, also etwas, das unseren Augen vollkommen verborgen bleibt.[3]
Und dann sind da die Goldflügel-Waldsänger. Forschende hatten einige dieser kleinen Zugvögel in den Bergen von Tennessee mit winzigen Geräten ausgestattet, um ihre Zugwege zu verfolgen. Im Frühjahr 2014 verließen fünf dieser Vögel ihr Brutgebiet ein bis zwei Tage, bevor ein schweres Unwetter mit zahlreichen Tornados die Region erreichte. Sie flogen einen großen Bogen um das Gebiet und kehrten später wieder zurück.[4]
Als wahrscheinlichste Erklärung nennen die Forschenden Infraschall, sehr tiefe Töne, die sich über große Entfernungen ausbreiten und für Menschen nicht hörbar sind. Gleichzeitig schließen sie andere Auslöser nicht aus.
Und genau das finde ich an diesen Beispielen so spannend. Der Delfin nimmt elektrische Felder wahr, die Schlange Wärme und die Vögel vermutlich Töne, von denen wir Menschen überhaupt nichts mitbekommen.
Für diese Tiere ist das nichts Übersinnliches. Es gehört schlicht zu ihrer Wahrnehmung.
Und da komme ich wieder zu meiner Frage zurück: Was nehmen wir Menschen wahr, ohne bisher genau zu verstehen, wie?
Warum du manches besonders schnell bemerkst
Unsere Wahrnehmung entwickelt sich über viele Jahre. Was wir als Erwachsene innerhalb weniger Sekunden erfassen, haben wir oft unzählige Male erlebt, beobachtet und miteinander verglichen.
Das kann schon in der Kindheit beginnen. Ein Kind merkt mit der Zeit sehr genau, woran es erkennt, was gerade los ist. Wie kommt jemand durch die Tür? Wie klingt die Stimme? Wird das Geschirr heute heftiger abgestellt? Ist jetzt ein guter Moment, etwas zu fragen?
Wenn Stimmung, Tonfall oder Gesichtsausdruck darüber entscheiden, ob gleich Ruhe, Ärger oder Streit kommt, bekommen genau diese kleinen Zeichen automatisch mehr Aufmerksamkeit.
Ich kenne das auch aus meiner eigenen Geschichte. Ich bin in den 70er- und 80er-Jahren mit einer eher autoritären Erziehung groß geworden. Kinder hatten zu gehorchen, Erwachsene bestimmten, Widerspruch war wenig erwünscht und es gab auch mal Haue. Ich habe meine Kindheit trotzdem nie grundsätzlich als schlimm erlebt. Vieles davon war damals einfach normal.
Bei mir kam dazu, dass ich die Reaktionen meines Vaters nicht immer gut einschätzen konnte. Also habe ich genau beobachtet: Wie ist seine Stimmung? Wie reagiert er heute? Was sage ich besser jetzt und was später?
Was sich über die Jahre immer weiter verfeinert
Mit jeder ähnlichen Situation kommt Erfahrung dazu. Du lernst, welche kleinen Hinweise zusammengehören. Ein bestimmter Blick allein sagt noch wenig. Kommen Tonfall, Körperhaltung und eine vertraute Art zu antworten dazu, entsteht daraus sehr schnell ein Gesamtbild.
Und das hört mit der Kindheit nicht auf.
In Schule, Beziehungen, Freundschaften und Beruf kommen ständig neue Erfahrungen dazu. Bei mir waren es später 16 Jahre als Führungskraft mit sehr vielen unterschiedlichen Menschen. Ich führte Gespräche, musste Konflikte erkennen, Reaktionen einschätzen und oft schnell verstehen, was hinter einer Aussage noch mitspielte.
Mit der Zeit sammelt sich dadurch unglaublich viel Menschenkenntnis an.
Du hörst eine bestimmte Betonung, siehst einen kurzen Gesichtsausdruck oder bemerkst einen Widerspruch und hast ähnliche Situationen schon viele Male erlebt. Das Ergebnis ist manchmal schon da, bevor du bewusst sagen kannst, woran genau du es erkannt hast.
Und genau deshalb kann sich so etwas wie plötzliches Wissen anfühlen.
Heute erlebe ich selbst, dass ich in Gesprächen mit Klienten oder Bekannten, sehr schnell weiß, wo das innere Thema liegt.
Das fühlt sich im ersten Moment intuitiv an.
Wenn ich anschließend genauer hinschaue, finde ich häufig vieles, was ich vorher schon aufgenommen hatte: eine Formulierung, eine Reaktion, einen Widerspruch, die Art, wie jemand über eine bestimmte Person spricht, dazu mein Wissen über menschliche Muster und meine eigenen Lebenserfahrung.
Das erklärt für mich auch einen Teil dessen, was bei manchen Menschen wie Hellsehen oder Gedankenlesen wirken kann.
Warum Hellseher manchmal erstaunlich richtig liegen
Wer Menschen sehr gut beobachtet, erkennt viel. Kleidung, Haltung, Gesichtsausdruck, Stimme, Wortwahl und kleine Reaktionen und Mimik erzählen mehr, als uns bewusst ist.
Dazu kommt Erfahrung: Wer über Jahre immer wieder ähnliche Lebenssituationen hört, erkennt Zusammenhänge schneller.
Wenn jemand dann sagt: „Ich sehe, dass du schon lange viel Verantwortung für andere trägst“, kann sich das unglaublich treffend anfühlen. Gleichzeitig beobachtet dieser Mensch, wie du auf seine Worte reagierst, und bekommt damit sofort weitere Informationen.
So kann aus einer ersten Einschätzung Schritt für Schritt ein erstaunlich genaues Bild entstehen.
Diese Fähigkeit kann ehrlich eingesetzt werden und einem Menschen helfen, sich selbst besser zu verstehen. Sie lässt sich genauso nutzen, um Eindruck zu machen oder sich eine besondere Autorität zu geben.
Wer seine Vermutung als sichere Botschaft verkauft – „Die geistige Welt sagt mir …“, „Ich sehe ganz klar, dass …“ oder „Dir wird in den nächsten Monaten … passieren“ – bekommt damit plötzlich ein ganz anderes Gewicht. Besonders bei Menschen, die gerade verzweifelt sind, Antworten suchen oder unbedingt wissen möchten, wie es weitergeht.
Genau das hat mich in meiner eigenen Zeit in der spirituellen Szene zunehmend nachdenklich gemacht. Einer sagte, er habe etwas gesehen, der nächste hatte etwas gehört, ein anderer hatte eine Botschaft bekommen. Die Aussagen konnten sich widersprechen und trotzdem fanden sich Menschen, die daran glaubten und teilweise viel Geld für weitere Antworten ausgaben.
Ich halte es durchaus für möglich, dass manche Menschen sehr fein wahrnehmen und dass es Erfahrungen gibt, die sich mit Menschenkenntnis allein schwer erklären lassen.
Kann man Hellsinne trainieren?
Für mich beginnt die Frage schon bei dem Wort trainieren. Ich glaube nicht, dass es darum geht, irgendeinen Schalter umzulegen und plötzlich hellsehen zu können. Aber ich glaube sehr wohl, dass wir unsere Wahrnehmung wieder bewusster benutzen können.
Heute sagt uns das Navi, wann wir abbiegen müssen. Das Handy zeigt uns das Wetter, erinnert uns an Termine und beantwortet innerhalb von Sekunden fast jede Frage. Das ist praktisch und ich nutze es selbst. Gleichzeitig brauchen wir dadurch manche Fähigkeiten im Alltag viel weniger als früher.
Wenn ich immer der blauen Linie auf dem Display folge, brauche ich mir nicht mehr zu merken, wo die Sonne steht, welche Kreuzung ich passiert habe oder an welchem auffälligen Haus ich abbiegen muss.
Wenn du deine Wahrnehmung wieder bewusster benutzen möchtest, kannst du mit ganz einfachen Dingen anfangen:
1. Geh einen bekannten Weg einmal ohne Navi.
Schau, woran du dich orientierst. An Gebäuden, Bäumen, Kreuzungen, der Richtung des Lichts oder vielleicht an etwas ganz anderem. Interessant wird es vor allem dann, wenn du merkst, welche Informationen du dir ganz automatisch gemerkt hast.
2. Nimm die Natur wieder mit mehreren Sinnen wahr.
Geh durch einen Wald, über eine Wiese oder am Wasser entlang und lass das Handy eine Weile in der Tasche. Was riechst du? Welche Geräusche sind nah, welche weit entfernt? Wo verändert sich der Boden unter deinen Füßen? Ist die Luft an einer Stelle kühler? Was fällt dir erst auf, nachdem du schon ein paar Minuten dort bist?
3. Hör einmal bewusst auf einen Raum.
Bleib einen Moment sitzen und hör erst, bevor du dich umschaust. Vielleicht läuft irgendwo ein Kühlschrank, draußen fährt ein Auto vorbei, im Treppenhaus sind Schritte oder vor dem Fenster sitzt ein Vogel. Vieles davon war vorher schon da. Deine Aufmerksamkeit lag nur woanders.
4. Beobachte einen Menschen, bevor du erklärst, was mit ihm los ist.
Wie verändert sich seine Stimme? Was macht die Körpersprache? Wo wird eine Antwort plötzlich kürzer? Was passiert in der Mimik? Bleib für einen Moment bei dem, was du tatsächlich gesehen und gehört hast. Erst danach kommt deine Erklärung dafür.
5. Merk dir spontane Gedanken und schau später noch einmal darauf.
Wenn dir plötzlich ein Name einfällt, du ein starkes Gefühl hast oder ein Gedanke wie „Der Termin fällt heute aus“ auftaucht, kannst du ihn kurz notieren. Später schaust du: Hat sich etwas davon bestätigt? Gab es Hinweise, die du vorher schon aufgenommen hattest? War es Erfahrung? Oder bleibt etwas, bei dem du auch im Nachhinein nicht weißt, woher du es wusstest?
Mit der Zeit lernst du dadurch vor allem deine eigene Art wahrzunehmen besser kennen. Manche Veränderungen fallen dir zuerst in Gesichtern und Stimmen auf, anderes nimmst du stärker über Bilder und Wege wahr.
Für mich bedeutet Hellsinne trainieren deshalb weniger, etwas Neues „zu öffnen“ sondern: Was ist eigentlich längst da und wird im Alltag nur kaum noch benutzt?
Mit diesen Übungen richtest du deine Aufmerksamkeit auf das, was du siehst, hörst und empfindest. Ob dabei etwas Übersinnliches beteiligt ist, lässt sich damit nicht feststellen.
Nicht jeder möchte seine Wahrnehmung überhaupt stärker machen.
Gerade feinfühlige Menschen erleben manchmal eher das Gegenteil: Sie nehmen ohnehin schon so viel auf, dass sie sich nach Begegnungen oder in unruhiger Umgebung erschöpft fühlen.
Dann geht es weniger darum, noch mehr wahrzunehmen, sondern besser zu unterscheiden, was gerade bei dir ankommt und wie du damit umgehen möchtest. Dazu findest du im Artikel Wahrnehmung im Alltag regulieren konkrete Schritte.
Was für mich bei Hellsinnen bleibt
Die Frage vom Anfang „Was war das gerade?“ stelle ich mir heute immer noch.
Manches lässt sich im Nachhinein ziemlich gut erklären. Ich habe etwas gesehen oder gehört, meine Erfahrung hat einen Zusammenhang erkannt oder mein Körper hat schneller reagiert als mein bewusster Verstand.
Und dann gibt es diese anderen Momente. Ein Gedanke ist plötzlich da, ein inneres Bild taucht auf oder ich weiß etwas, bei dem ich auch später keine schlüssige Erklärung dafür finde.
Für mich sind Hellsinne deshalb Teil unserer feinen Wahrnehmung. Bis heute weiß ich nicht, ob sich solche Erfahrungen vollständig durch unsere Sinne, Erfahrung und unbewusste Verarbeitung erklären lassen oder ob noch etwas anderes dazugehört.
Wenn etwas später erstaunlich genau zu dem passt, was ich vorher geahnt habe, darf ich darüber staunen. Ich kann aber auch genauer hinschauen und prüfen, was ich vorher schon gewusst oder wahrgenommen haben könnte und trotzdem nicht wissen, warum dieser Gedanke genau in diesem Moment da war.
Vielleicht brauchen manche Erfahrungen gar nicht sofort einen Namen. Sie dürfen erst einmal das sein, was sie waren: etwas, das du wahrgenommen hast.
Quellen
[1] Max-Planck-Institut für Bildungsforschung: The Intelligence of Intuition. Informationsseite zur Intuitionsforschung. Abruf: 11. September 2026.
[2] Czech-Damal, N. U. et al. (2011): Electroreception in the Guiana dolphin (Sotalia guianensis). Proceedings of the Royal Society B, 279, 663–668. DOI: 10.1098/rspb.2011.1127.
Quelle zum Wahrnehmen schwacher elektrischer Felder beim Guiana-Delfin.
[3] Gracheva, E. O. et al. (2010): Molecular Basis of Infrared Detection by Snakes. Nature, 464, 1006–1011. DOI: 10.1038/nature08943.
Quelle zur Infrarotwahrnehmung von Grubenottern.
[4] Streby, H. M. et al. (2015): Tornadic Storm Avoidance Behavior in Breeding Songbirds. Current Biology, 25(1), 98–102. DOI: 10.1016/j.cub.2014.10.079.
Quelle zu den beobachteten Ausweichbewegungen der Goldflügel-Waldsänger vor einem schweren Sturmereignis; Infraschall wird als mögliche Erklärung diskutiert.




